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Ohrmuschelrekonstruktion
Defekte im Bereich der Ohrmuscheln sind unmittelbar weniger bedrückend als Defekte im Gesicht, da die Ohren unter den Haaren versteckt werden können. Dennoch erfahren Erwachsene und Kinder durch eine gelungene operative Verbesserung oder Rekonstruktion eine wesentliche psychische Entlastung, eine Unterstützung des Selbstwertgefühls und mehr Sicherheit im sozialen Umfeld.

Die Ohrmuschelrekonstruktion ist auch ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Sehr unterschiedliche Defekte machen eine Rekonstruktion erforderlich:

• angeborene Defekte der Ohrmuschel unterschiedlicher Schweregrade bis hin zur Mikrotie
• Mikrotie ist das weitgehende Fehlen der Ohrmuschel bis auf ein Läppchen mit oder ohne Ohrmuschelrest,
• durch Unfall oder Tumoroperation erworbene Defekte von Teilen der Ohrmuschel bis zum Totalverlust der Ohrmuschel.

Wir verwenden zur Rekonstruktion fast immer körpereigenes Gewebe. Vereinzelt kommt ein Gerüst aus Fremdmaterial in Frage. Selten ist auch der komplette Ohrmuschelersatz durch eine Epithese (Ohrmuschel aus Kunststoff, fixiert über Metallimplantate). Wird diese Lösung gewählt, muss man sich mit der Tatsache vertraut machen, dass die Epithese zur Nacht abgelegt werden sollte und die Implantate täglich sorgfältig gereinigt und desinfiziert werden müssen.

Bei Mikrotie ist fast immer die Hörfähigkeit eingeschränkt. Wenn diese nach HNO-ärztlicher Abklärung operativ verbessert werden sollte, bieten wir im Marienhospital als Besonderheit die gemeinsame Behandlung mit der HNO-Abteilung (Prof. Dr. Dr. Steinhart) inklusive einer hörverbessernden Operation an.

Die Unterentwicklung eines Unterkiefers mit Gesichtsasymmetrie erfordert die Unterkieferverlängerung durch eine kompetente kieferchirurgische Abteilung. Eine solche ist ebenfalls am Marienhospital vorhanden. Der operativen Behandlung der Mikrotie ist ein eigenes ausführliches Kapitel gewidmet. Im Anschluss finden Sie einen Abschnitt über Ergebnisse und Bemerkungen bei Komplikationen.

Beispiele für angeborene Defekte der Ohrmuschel sind ausgeprägte Tassenohren, ein nach unten geknickter oberer Ohrpol, eine verkümmerte Form der Ohrmuschel insgesamt, atypische Knorpelfalten, Einkerbungen, ein fehlendes Ohrläppchen und Kombinationen daraus. Verbesserung durch einen operativen Aufbau mit Ohrknorpel vom gesunden Ohr und Hautlappen von der Hinterohrseite des betroffenen Ohres ist oftmals möglich. Bei zu erwartendem starkem Narbenzug empfiehlt sich aber der Einsatz von Rippenknorpel, da dieser eine bessere Formstabilität aufweist. Er ist allerdings auch härter als Ohrknorpel.

Die Mikrotie ist die stärkste Ausprägung eines angeborenen Ohrdefekts und kann einseitig oder beidseitig auftreten. In manchen Fällen ist sie verbunden mit einer ebenfalls angeborenen Unterentwicklung des Unterkiefers. Dieser ist auf der betroffenen Seite in seinem aufsteigenden Ast vom Kieferwinkel zum Kiefergelenk und in seinem horizontalen Teil zu kurz. Auswirkungen sind eine schiefe Kauebene und eine Asymmetrie des Gesichtes. Durch Unterkieferverlängerung mit im Mund eingebauten Apparaturen kann schon im frühen Schulalter Kindern wesentlich geholfen werden.

Durch Unfall oder Tumoroperation erworbene Defekte von Teilen der Ohrmuschel werden mit Ohrknorpeltransplantaten und Hautverlagerung aus dem Überschuss der Hinterohrfalte behandelt. Allerdings gibt es Grenzen bei dem verfügbaren Knorpel und der verfügbaren Haut. Für größere Defekte müssen mehrschichtige Rekonstruktionen geschaffen werden:  Ein Rippenknorpelgerüst, bedeckt mit einem Schläfenfaszienlappen (gut durchblutete dünne Gewebeschicht die den großen Kaumuskel bedeckt), auf dem wiederum ein  freies Hauttransplantat anheilen kann.

Der Ohrmuschelaufbau mit körpereigenem Gewebe (Rippenknorpel) ist bei einer Mikrotie optimal ab dem 10. Lebensjahr möglich. Wir halten uns an die von dem Japaner Nagata beschriebene Technik, die ein konturstarkes Ohrrelief schafft.

Aus eigenem Rippenknorpel aufgebaute Ohrmuscheln wachsen noch etwas mit dem Körper mit. Sie sollten in ihrer Größe und der Stellung am Kopf dem gesunden Ohr genau spiegelbildlich entsprechen. Sie können aber nicht ganz so fein und grazil wie ein natürliches Ohr werden. Der Vorteil gegenüber einem Gerüst aus Kunststoffmaterial: Ohrmuscheln, die mit körpereigenem Material aufgebaut sind können auch Verletzungen, wie sie im alltäglichen Leben vorkommen, ohne Verlust überstehen.

Es wurden alternativ immer wieder Fremdmaterialien eingesetzt. Die Erfahrungen hiermit sind widersprüchlich und grundsätzlich besteht bei Fremdkörpern das Problem der Infektion und des Verlustes eines Ohraufbaus im Fall von kleinen Verletzungen oder Druckstellen. Kunststoffgerüste aus porösem Polyethylen (Medpor) scheinen einige dieser Probleme zu lösen. Die Standards für die technischen Details bei unserem Medporeinsatz wurden durch J. Reinisch, Los Angeles erarbeitet und definiert.

Die Alternative sind Epithesen, Ohren komplett aus Kunststoffmaterial. Diese können das gesunde Ohr in dessen Form genau widerspiegeln. Jedoch, bei Farbwechsel der Haut des gesunden Ohres bei Wärme oder Kälte, im Sommer oder Winter können Epithesen nicht mithalten, so dass sich Auffälligkeiten ergeben. Für die Fixierung werden Metallimplantate in den Knochen unter die Haut eingebracht. Sie überragen mit einem Stift die Haut. Der Epithetiker (Hersteller von künstlichen Körperteilen) baut einen Fixierungssteg darauf auf. Der Patient wiederum steckt das Kunstohr auf den Steg, und muss täglich die Durchtrittsstellen der Implantate pflegen und auf Infektionen achten. Nachts wird das Ohr abgelegt. Mit diesen Einschränkungen lässt sich lebenslang mit einem ansprechenden Ersatzohr zurechtkommen. Die Epithesenversorgung empfehlen wir besonders bei Ohrverlust in einem Alter ab ca. 40 Jahren und bei individuellen Hindernissen für einen Eigengewebeaufbau wie starken lokalen Vernarbungen und Durchblutungsstörungen.


Hörverbessernde Operation

Das angeborene Fehlen der Ohrmuschel (Mikrotie) ist meist mit einem Fehlen des äußeren Gehörganges und einer Fehlbildung des Mittelohres mit entsprechender Schwerhörigkeit des betroffenen Ohres verbunden.

Die frühkindliche HNO-ärztliche Beratung und genaue Diagnostik der Fehlbildung (Hörtests, Röntgen-Computertomografie zur Diagnostik von Mittelohrdefekten) ist sehr wichtig. Dabei wird auch über die Möglichkeiten eines Ohrmuschelaufbaus (Plastische Chirurgie) und die Möglichkeiten und Grenzen hörverbessernder Operationen (Mittelohr und Gehörgang, HNO-Chirurgie) informiert. Der Ohrmuschelaufbau muss zeitlich der Mittelohroperation vorausgehen. Andernfalls behindern Narben einen Ohraufbau.

Als Alternative bieten wir in Zusammenarbeit mit den HNO-Spezialisten im Marienhospital die gleichzeitige Operation zur Hörverbesserung und zum Ohrmuschelaufbau an und folgen dabei den Konzepten von Siegert.


Operative Behandlung der Mikrotie

Der Ohrmuschelaufbau aus körpereigenem Material verläuft in 2 Hauptoperationen, wenn keine Hörverbesserung eingeplant ist. 3 Schritte sind erforderlich, wenn das Mittelohr geöffnet und sowohl Gehörgang als auch Trommelfell angelegt werden sollen.

Erster Schritt:
Die Position des Ohres wird symmetrisch zur gesunden Seite geplant. Aus Knorpelanteilen von meist drei Rippen wird ein Ohrknorpelgerüst hergestellt. Als Vorlage dient das gesunde Ohr oder bei beidseitiger Mikrotie eine ideale Standardform. Das meist vorhandene Läppchen wird in die passende Position verlagert und das missgebildete Knorpelgerüst wird entfernt. Das neue Gerüst wird unter die Haut eingelagert. Über feine Drainageschläuche wird ein Sog eingestellt, der die Haut in die Vertiefungen des Knorpelgerüstes hineinsaugt. Von außen werden diese Vertiefungen mit Verbandsmaterial ausgekleidet, damit das geschaffene Relief des Ohres nicht durch Schwellung verloren geht. Nun muss etwa sechs Monate abgewartet werden bis das Knorpelgerüst gut eingeheilt ist. Die künftige Ohrform ist schon gut zu erkennen, es fehlt aber noch die Hinterohrfalte.

Wenn eine Hörverbesserung möglich ist, werden bei diesem Schritt das Trommelfell und der Gehörgang vorbereitet und am Brustkorb zur Ausreifung in das Unterhautfettgewebe zwischengelagert.

Zweiter Schritt:
Die Ohrmuschel muss nun aus ihrer Versenkung unter der Kopfhaut hervorgeholt werden. Dazu wird die Haut hinter dem Knorpelgerüst aufgetrennt und dieses samt anhängendem neugebildetem Bindegewebe angehoben. Ein Knorpelkeil, der von der ersten Operation noch übrig ist (unter der Haut am Brustkorb „geparkt“, „Knorpelbanking“), wird jetzt wieder hervorgeholt und als Abstützkeil hinter der neuen Ohrmuschel eingebaut. Dieser Knorpelkeil muss mit einem durchbluteten Gewebelappen bedeckt werden (Schläfenfaszie vom Kopf), auf der wiederum ein Hauttransplantat anheilen kann. Alternativ erfüllt ein Hautlappen aus dem Hinterohrbereich diese Aufgabe ebenso gut.
Bei geplanter Hörverbesserung wird nun vom Knochen bis zum Mittelohr ein Kanal geschaffen. Die Gehörknöchelchen werden wenn möglich befreit, so dass sie schwingen können, oder durch eine Titanprothese ersetzt. Der vorbereitete Gehörgang und das Trommelfell werden eingebaut und nochmals mit einem Silikon-Platzhalter geschützt.

Dritter Schritt:
Bei vorbereiteter Hörverbesserung wird nach weiteren 6 Monaten über die Ohrmuschelvertiefung an der Vorderseite der Silikonplatzhalter aus dem nun eingeheilten knorpeligen Gehörgang entfernt und der Gang mit einem Vollhauttransplantat ausgekleidet.    
Im Idealfall ist der Ohraufbau mit diesen 1 bis 3 Schritten zu schaffen. Gelegentlich sind aber kleine Zwischenschritte oder Abschlussoperationen erforderlich.

Ergebnisse
Die aufgebauten Ohrmuscheln sind steifer und weniger fein konturiert, als die natürlichen. Das Gefühl kommt etwa im Verlauf eines Jahres zurück.

Mit Schmerzen ist vorübergehend am Brustkorb zu rechnen. Solange erfolgt generell eine analgetische Behandlung.
Bei einer hörverbessernden Operation beträgt der erzielbare Hörgewinn zwischen 20 und 40 Dezibel.

Komplikationen können ein optimales Ergebnis beeinträchtigen.
Durchblutungsstörungen der Haut können zum Freiliegen des Rippenknorpels bis hin zu einem Teilverlust dessen führen. Dann muss frühzeitig ein Faszienlappen vom Kopf mit einem Hauttransplantat übergelegt werden.
Durch Schwellung kann die Kontur des Ohres beeinträchtigt werden. Dies ist aber eher ein vorübergehendes Problem.